Tourismusnachfrage in der ersten Sommerhälfte 2022 beinahe auf Vorkrisenniveau

14.09.2022

Energiekrise und Inflation dämpfen die Erwartungen für die Wintersaison

Die Tourismusbranche erholte sich seit Jahresbeginn 2022 zunehmend: Verzeichneten die heimischen Beherbergungsbetriebe im Jänner noch rund ein Drittel (‑32,6%) weniger Nächtigungen als im Vergleichszeitraum 2019, verringerte sich der Rückstand bis Juli auf durchschnittlich 15,3%. Dieser deutliche Aufwärtstrend ist vor allem auf die erste Hälfte der Sommersaison 2022 (Mai bis Juli) zurückzuführen, wo mit 37,2 Mio. Übernachtungen beinahe schon wieder das Vorkrisenniveau erreicht wurde (‑4,3%).

Trotz einer zunehmenden Erholung in der Tourismusbranche seit Jahresbeginn 2022 bleiben die Rahmenbedingungen für die Tourismuswirtschaft schwierig. Zum einen besteht Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie, zum anderen wird die Entwicklung der europäischen und auch österreichischen Wirtschaft durch die Energiekrise und hohe Preissteigerungsraten gehemmt. Diese Unsicherheit zeichnet sich bereits im aktuellen WIFO-Konjunkturtest vom August 2022 ab, wobei die Unternehmen auf die aktuelle Beschäftigungs- und Geschäftslage verweisen. Obwohl die sektorale Beschäftigung im Juli über jener des Juli 2019 lag, zeigte sich bei der Arbeitslosigkeit in der Branche bereits seit Juli 2021 (mit Ausnahme des Lockdown-Monats Dezember 2021) ein rückläufiger Trend gegenüber 2019. Der von der Branche immer wieder beklagte Arbeitskräftemangel dürfte somit mit einem trotz steigenden Beschäftigungsverhältnissen geringeren Arbeitsvolumen verbunden sein.

Im weiteren Verlauf des Winters 2022/23 bleiben die wirtschaftlichen Unsicherheiten groß: Kommt es zu einer Einschränkung der Gaslieferungen aus Russland oder sogar zu einem vollständigen Stopp dieser Lieferungen, ist eine Rezession in Europa wahrscheinlich. Zudem wird die Inflation bis Jahresende weiter ansteigen und damit die effektive Nachfrage der privaten Haushalte in Österreich, aber auch in den wichtigsten Herkunftsländern der österreichischen Tourismuswirtschaft, erheblich dämpfen. Gerade die Preissteigerungen bei lebensnotwendigen Gütern wie Strom und Lebensmitteln werden viele Haushalte zwingen, ihr Budget umzuschichten – dies wird zulasten von "Luxusgütern" gehen, zu denen auch touristische Dienstleistungen und Urlaubsreisen zählen. Ist es somit wahrscheinlich, dass viele Haushalte ihre Ausgaben für Urlaubsreisen einschränken, bleibt offen, welche Einsparungsstrategien verfolgt werden. Neben dem kompletten Verzicht auf Urlaubsreisen können die Ausgaben gekürzt werden (kürzere Urlaube, günstigere Unterkünfte, alternative Destinationen usw.). Welche Strategien die Haushalte für die kommende Wintersaison verfolgen, lässt sich derzeit noch nicht absehen. Dazu kommen auch mögliche Einschränkungen auf der Angebotsseite, die vor allem aufgrund der Energieknappheit erforderlich werden könnten.
 

Publikationen

Tourismusanalyse: Erholung seit Jahresbeginn, aber ungünstige Vorzeichen für den Winter (Tourism analysis: Demand Recovery Since the Beginning of the Year, but Unfavourable Signs for Winter Season)
WIFO Research Briefs, 2022, (22), 6 Seiten
Online seit: 14.09.2022 9:00
Bedingt durch den Ukraine-Krieg und die massive Teuerung blieben die Rahmenbedingungen für die Tourismuswirtschaft auch nach dem weitgehenden Auslaufen der pandemiebedingten Maßnahmen schwierig. Dennoch erholte sich die Branche seit Jahresbeginn 2022 zunehmend: Verzeichneten die heimischen Beherbergungsbetriebe im Jänner noch rund ein Drittel (–32,6%) weniger Nächtigungen als im Vergleichszeitraum 2019, verringerte sich der Rückstand bis Juli auf durchschnittlich 15,3%. Dieser deutliche Aufwärtstrend ist vor allem auf die erste Hälfte der Sommersaison 2022 (Mai bis Juli) zurückzuführen, wo mit 37,2 Mio. Übernachtungen beinahe schon wieder das Vorkrisenniveau erreicht wurde (–4,3%). Gemessen an den Gästeankünften (11,8 Mio.) bestand von Mai bis Juli aktuell noch Aufholbedarf zum Vergleichszeitraum 2019 im Ausmaß von 7,5%. Im Jahr 2021 lag die Nachfrage in der ersten Sommerhälfte noch um 42,1% (Nächtigungen) bzw. 33,2% (Ankünfte) unter dem präpandemischen Niveau.
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Mag. Dr. Oliver Fritz, MSc

Forschungsbereiche: Strukturwandel und Regionalentwicklung

Anna Burton, BSc, MSc

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© Max Duzij/Unsplash
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